Ich kann mich erinnern, als wäre es gestern gewesen…
Heute ist es auf das Datum genau ein Jahr her…
Es war Donnerstag..
Am Morgen hatte ich irgendwann mal kurz den Messenger offen, war wohl gerade nicht so viel los im Büro.
Da stand bei deinem Name: „Desmoplastischer, kleinzelliger Weichteil Krebs“
Für mich war das Bahnhof, doch Google hat mich dazu ein Stück informiert und in Foren habe ich Beiträge von Leuten gelesen, welche auch betroffen waren. Hörte sich nicht gut an.
Am Mittag, auf meinem Weg in die Stadt, wie jeden Donnerstag, habe ich mit dir telefoniert. Du hast mich beruhigt und erklärt, das wäre das Ergebnis deiner andauernden Bauchschmerzen, was natürlich abgeklärt werden musst. Super, Krebs… Wieso können Männer nicht schwanger werden? Ich hätte auch die Patenschaft angenommen, ehrlich…
Wir haben uns für ne Woche später bei dir Verabredet, da ich sowieso mal wieder bei dir in der nähe war. Als ich euer zu Hause endlich gefunden hatte, wie kann man sich nur so verfahren, haben wir alles durchdacht, geplant und als realistisch empfunden.
10Wochen Chemo, und im Oktober an die Qlimax. Dann werden wir halt nur einmal Holland auslassen, macht ja nix, kann man ja immer wider gehen.
Heute denke ich bei dem Wort „Qlimax“ immer an dich und unsere nicht eingehaltenen Pläne. Wir hatten doch noch so viel vor?
Ich danke dir, das du trotz deinem Leiden zeit hattest, mit mir noch meinen Geburtstag zu feiern, Auch wenn du nur 30min im Club warst, du warst da!!
Als ich im Herbst im Urlaub war, kam eine SMS für ein Abschiedsessen. Ich war total schockiert, es konnte doch nicht wirklich so schlimm sein, nicht bei dir, nicht du…
Leider hatte ich das Essen verpasst, weil mein Flug und das Essen zur selben Zeit statt fanden. Wie gerne hätt‘ ich dich da noch gesehen.
Wir blieben in Kontakt, du warst nun einfach für ne intensivere Pflege im Spital am anderen Ende der Schweiz stationiert. Noch weiter weg für Kurzbesuche.. =/
Ende November / Anfangs Dezember hab ichs endlich geschafft, ich konnte dich besuchen. Doch an dem Freitag, als ich bei dir war, hast du schrecklich ausgesehen. Ich bin ziemlich erschrocken. Du hast an diesem Tag glaub ich nicht richtig mit bekommen das ich anwesend war. Daher bin ich mit deiner Freundin ein Kaffe drinken gegangen, um wenigstens Sie ein Stück zu trösten und abzulenken.
Die Geschenke für die hab ich wider mitgenommen. Ein Lego Auto, mit leuchtenden Scheinwerfer und ein Dino-ausgrab-Set, damit du dich beschäftigen kannst.
Ich plante am Samstag nochmals zu kommen, in der Hoffnung, dass du besser im Schuss sein wirst.
Und wirklich, am Samstag war auch dein bester Freund anwesend, wir haben sogar ein paar Witze gemacht.
Als ich mich verabschiedete, konnte ich nicht wissen, das es das letzte Mal sein wird..
Wir hatten viel Kontakt, im Dezember durftest du sogar nach Hause, mit deiner Familie feiern, dass war doch ein Hoffnungsschimmer.. Oder nicht?
Du gingst nun regelmässig bei euch in ne Klinik, konntest aber längere Zeit auch zu Hause sein. Der Januar kam so viel versprechend.
Und Mitte Januar die Hiobsbotschaft => Keine Hoffnung mehr.
Wie bitte?
Das kann doch nicht alles gewesen sein? Ich konnte es nicht fassen, du bist doch der grösste Kämpfer überhaupt, wieso nur auf diese Heimtückische, unabdingbare, fiese Art?
Als ich vor deinem 23.Geburtstag bei euch zu Hause war, um noch Geschenke vorbei zu bringen, warst du in der Klinik. Diesen Nachmittag mit deiner Freundin hat gut getan, wir haben sehr viel gequatscht und ich habe einen so riesigen Respekt vor diesem Mädchen, was die Situation anbelangt, wie schon lange vor keinem mehr.
Das war am 15. Januar.. Den Kontakt zu dir hatte ich nur noch über deine Freundin, du hattest keine Kraft und Lust mehr zu schreiben.
Als ich am 2. Februar von deinem Tod erfuhr, konnte ich es zu erst nicht glauben?
Die Trauer, einen so guten Freund wirklich gehen zu lassen, hatte mich völlig überwältigt.
Was jetzt? Klar denken.. Atmen.. weiter denken… Schreien, Weinen, Die Welt verfluchen, froh sein für dich und einfach nur weg wollen.
…
Freunde und Kollegen informieren und von der traurigen Nachricht in Kenntnis setzen..
In dieser Woche hab ich gelernt, was es heisst zu Trauern.
Ich denke, Trauern tut jeder auf seine Weise.
An den ersten drei Tagen/Nächten hab ich so viel geweint, dass ich bis zur Beerdigung nur noch wütend war. Ich konnte die Leute nicht mehr ertragen die mir ihr Beileid aussprachen.
„Es tut mir so leid“ – „Ach ja, wieso denn? haben Sie den Krebs erfunden? Dann sollte es Ihnen wirklich leid tun“
Zusammen mit deiner Freundin konnte ich nächtelang quatschen, um uns gegenseitig über die Leute um uns nerven. Sie ist eine Kämpferin, wie du.
An dem Tag deiner Beerdigung hatte ich ein riesiges, schlechtes Gewissen. Wieso war ich nicht deprimiert und traurig? Ich war immer noch wütend.
Während der Ansprache des Pfarrers in dem grossen Gemeindesaal, in welchem so viele deiner Freunde, Verwanden, Bekannten und Bewunderer anwesend waren, habe ich gewartet. Gewartet auf das Stichwort das meine Wut lösen wird.
Als eine Diashow mit Fotos von dir gezeigt wurde, mit der HS Version des Songs „Nothing else matters“ und ein Foto, dass während eines ultrastarken Holland Trips zusammen mit uns gemacht wurde, brach ich zusammen. Nie wider bescheuerte YouTube Filme, von übermüdeten Partybesuchern. Nie wider stundenlanges Warten in nem Hausflur, nur weil andere zu spät kommen. Nie wieder deine „Äuä, hurti“- Bernerimitation, obwohl kein Berner diese zwei Worte in diesem Kontext benutzt.
Es war wirklich Realität.
Heute ist es ein Jahr her, seit ich erfahren habe, dass du krank bist.
Und knapp ein halbes, seit es dir nun wider Besser geht!
Das Spielzeugauto, für welches du nie die Kraft hattest, es zusammen zu bauen, steht neben meinem Bett. Ich hab‘s als Andenken an dich von deiner Freundin erhalten und zusammen gebaut.
Und an Abenden, an welchen ich die so sehr vermisse, dass es weh tut, leuchtet es mir den Weg in den Schlaf…
